Chinas Bauwerke und Deutschlands Beitrag

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Eine Podiumsdiskussion in der Deutschen Botschaft in Beijing versammelte am Freitag eine Expertenrunde, die sich dem Thema der Architektur in China widmete. Deutschlands Beitrag wurde vor allem in der Nachhaltigkeit gesehen.

Der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland Michael Clauß und der Vizepräsident der Bundesarchitektenkammer Prof. Ralf Niebergall luden am letzten Freitag, den 14. Oktober, zur Diskussionsveranstaltung „Zeitgenössische chinesische Architektur – Was kann Deutschland lernen, was kann Deutschland beitragen?“ in die Deutsche Botschaft in Beijing ein. Als Veranstalter zeigte sich das Netzwerk Architekturexport (NAX) verantwortlich.

In der Eröffnungsansprache erklärte Botschafter Clauß: „In ganz China […] ticken die Uhren deutlich schneller, als das bei uns der Fall ist, vor allem wenn es um Architektur und wenn es um Bautätigkeit geht. China stellt alles in den Schatten, was wir aus dem alten Europa, aber auch aus den USA und anderen Ländern kennen. China ist eben das Land der Superlativen.“

Der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in China, Michael Clauß, bei der Eröffnungsansprache. (Bild: Hua Fang)

Zu den Plänen der chinesischen Regierung bis 2020 rund 80 Millionen Landbewohner zu verstädtern und bis 2025 weitere 150 Millionen Menschen in die Städte zu bringen, merkte der Botschafter an, dass Themen wie „Das Haus von morgen“ und die Gestaltung des öffentlichen Raums dabei eine ganz besondere Rolle spielen werden und dies für deutsche Architekten gute Aussichten verspreche.

Anschließend trat Prof. Niedergall ans Rednerpult und sprach aus seiner eigenen Erfahrung als Dozent, der auch viele chinesische Studentinnen und Studenten ausbildet: „Was, glaube ich, auch die chinesischen Studierenden immer wieder überrascht, […ist,…] dass für uns der Begriff Nachhaltigkeit tatsächlich ein weit umfassenderer ist.“ Er drückte seine Hoffnung aus, seinen Studierenden vermitteln zu können, „dass Nachhaltigkeit immer den Menschen im Mittelpunkt hat und nicht das Funktionieren der Technik“.

Nicht zuletzt durch seine Zeit in China habe Niedergall realisiert, dass der künstlerische Geist und der architektonische Genius nach wie vor im Mittelpunkt des gemeinsamen Schaffens stehen und man – trotz aller kulturellen Unterschiede – so immer wieder einen Konsens finden könne, um gute und nachhaltige Architektur zu schaffen.

Zum Beginn der Podiumsdiskussion richtete Xu Tiantian die Aufmerksamkeit von den Großprojekten in den Städten aufs Land. Die in China ausgebildete freischaffende Architektin bezeichnet sich selbst als Designerin für Nutzungserlebnisse. Nach langer Zeit im Ausland kehrte sie 2004 wieder zurück in ihr Heimatland. Seit ihrer Rückkehr nach China hat sie sich der Zusammenarbeit mit Künstlern und örtlichen Anwohnern ihrer Projekte verschrieben. Während sie die Bedeutung der städtischen Entwicklung für China nicht in Frage stellte, hob sie jedoch auch den Umweltschutz, die Herausforderungen in den Dörfern und kleineren Städten sowie die Wahrung der Besonderheiten eines jeden Ortes hervor.

Von links nach rechts: Moderator Rainer Traube mit den Architekten Jürgen Engel, Xu Tiantian, Jens Kump und Yosuke Hayano bei der Podiumsdiskussion. (Bild: Hua Fang)

Yosuke Hayano, Partner des Architektenbüros MAD, sagte über die Bautätigkeiten in Shanghai – dort vor allem im Stadtbezirk Pudong – im Vergleich zu Beijing: „Wir können ein neues Pudong bauen, aber wir können kein neues Beijing bauen.“ Man müsse vielmehr auf die Geschichte und die Menschen vor Ort eingehen.

Laut Jürgen Engel vom Architekturbüro KSP Jürgen Engel Architekten ist Beijing gerade aus diesem von Hayano genannten Grund für ihn die interessanteste Stadt in China, „da sie sich mit ihrer Grundstruktur noch glanzvoll der modernen Zeit widersetzt“. Das Historische und Vergangene finden sich in der Stadt wieder. Gerade diese Widersprüche zwischen Alt und Neu sowie die dadurch erzeugte Spannung machen für ihn den Charakter einer Stadt aus.

Die chinesische Stadtentwicklung ist Engel zufolge nicht mit dem europäischen Stadt-Konzept zu lösen. Die Urbanisierung Chinas brauche Lösungen für welche die relativ kleinen Städte Europas kein passendes Modell bieten. „Wir müssen als Architekten nicht nur große Strukturen errichten, […] der wesentliche Punkt ist, Orte zu schaffen. Orte, wo Menschen sich wirklich zuhause fühlen – und zwar Chinesen, nicht Europäer.“ Das sei eine große Aufgabe: Nicht immer glamourös zu bauen, sondern klein und nachhaltig.

Yosuke Hayano sah diese Haltung auch in deutschen Städten realisiert, die er bereits besucht hatte. Jede Stadt in Deutschland besitze Schichten von Geschichte und einen eigenen Charakter. Statt nur abzureißen, wolle man in Deutschland erhalten und bewahren. Deutschland könne daher zeigen, wie sich Architektur für die Zukunft bewahren lasse.

Jens Kump von der Düsseldorfer Architektenpartnerschaft HPP Architekten erklärte, dass Auftraggeber, die ihre eigene Identitäten ausdrücken wollen – ob nun im Wohnungs- oder Fabrikbau – ein direktes Interesse am Ergebnis haben. Für Architekten sei es besonders reizvoll, als Geburtshelfer solcher Ideen tätig zu werden.

Im Interview mit People’s Daily Online beschrieb Architektin Xu Tiantian die bisher noch vor allem landwirtschaftlich geprägten Regionen Chinas als neue Entwicklungsgebiete. „Mehr und mehr Leute wollen in die Städte für […] ein höheres Einkommen. Daher schauen wir in die Dörfer, um dort mithilfe des Internets – daher heißt die staatliche Strategie „Internet Plus“ – Produkte online zu verkaufen. So können sie [die Landbewohner] mehr verdienen als Bauarbeiter in den Städten.“ Dies sei ein Versuch, die Metropolregionen zu dezentralisieren.

„Wir haben keine Großprojekte im Blick wie in der Vergangenheit, sondern statt uns einer Bauikone zu widmen, haben wir eine Gruppe von Projekten. Wir bauen mehr, aber kleiner. Dafür müssen wir uns mit der Bevölkerung in kleineren Orten, die trotzdem sehr dynamisch sind, zusammentun.“

Diese „Mikro-Interventionen“ könne man auch in traditionellen Wohnvierteln, den sogenannten Hutongs, in der chinesischen Hauptstadt beobachten, deren Einwohner in die Arbeit integriert werden. „Das geht über reine Architektur hinaus. Es ist nicht nur Designen und Zeichnen. Deine Rolle geht über die Arbeit im Büro hinaus, hinaus in die Hutongs und auf Land.“

Auf die Frage, was Deutschland zu diesen Entwicklungen beitragen kann, antwortete Xu, dass Deutschland nicht nur Technik zu bieten habe. „Deutsche Architekten können die Einzigartigkeit der Stadt [Beijing] erkennen. Man muss das in die jeweilige eigene Architektursprache übersetzen. Deutsche Architekten in China möchten die Botschaft dessen, was sie sehen, respektieren und übersetzen.“ So könne man dabei helfen, diese Botschaften zu bewahren. (german.people.com.cn)

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