Witze über kaiserliche Kader

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1973

Von Prof. Hans STUMPFELDT
Wenig bekannt ist, dass Chinesen zu den witzigsten Menschen der Welt zählen. Vor allem mit dem Gemeinschaftsverhalten geht solcher Witz gnadenlos um. Eine Hochzeit des Witzes war das 16./17. Jahrhundert. Damals blühte in den großen Handelsstädten des Südens eine Kultur und Literatur auf, die dem Unterhaltungsbedürfnis des neuen Bürgertums entsprach. Literaten wie Feng Menglong (+ 1646) bedienten, geschäftstüchtig auch sie, diese Interessen. Er veröffentlichte mehrere Witzsammlungen. Aus naheliegenden Gründen waren die neuen Literaten und ihre Leser sowie die kaiserlichen Literatenbeamten einander nicht grün. Gegenstand des Witzes wurden vor allem die Kreis- oder Stadtvorsteher, die volksnächsten Beamten. Sie führten deshalb den Ehrentitel „Vater und Mutter des Volkes“, wie sonst nur noch der Kaiser.

Ganz väterlich-streng und mütterlich-fürsorglich führten sich diese Herren wohl nicht immer auf: Ein neu ernannter Kreisvorsteher fragte seinen Sekretär, wie er sich als Beamter verhalten solle. „Im ersten Jahr ehrlich, im zweiten Jahr teilweise ehrlich, doch im dritten können sie richtig zulangen.“ Da stöhnte der Kreisvorsteher: „Wie soll ich das so lange aushalten?“ Kaiserliche Umsicht bewirkte, dass ein solcher Beamter selten länger als zwei Jahre am gleichen Ort tätig war. –

Ein Kreisvorsteher war oft ein noch junger Mann und diese Stellung die erste nach bestandenen Examen, in denen es um literarische Fertigkeiten und ideologische Festigkeit, nicht um praktische Amtsführung ging. Viele vergaßen anscheinend das mühsam Angelesene und hatten Probleme bei neuer Lektüre: Das kleine Baby eines Kreisvorstehers wollte nicht schlafen. Die Amme war ratlos. Plötzlich kam ihr eine Idee. Sie bat den Vorsteher, ihr ein Buch zu leihen. Verwundert fragte der nach dem Grund. „Ich habe doch immer gesehen“, erklärte die Amme, „sobald Sie ein Buch aufschlagen, sind Sie eingeschlafen.“

Nicht alle diese Beamten waren tatsächlich gebildet, aber viele – was das Besoldungssystem förderte – korrupt und habgierig: Zum Geburtstag des Kreisvorstehers legten die Bürger zusammen und ließen eine Maus aus Gold gießen, denn er wurde in einem Jahr der Maus geboren. Erfreut dankte er für das Geschenk, fügte aber hinzu: „Auch meine Frau hat bald Geburtstag. Ihre Geburt fiel in ein Jahr des Büffels.“ Von so viel Gier handeln viele Witze.

Manchmal sehen diese konfuzianischen Literaten KP-Kadern von heute ähnlich. Schon der Literat Li Shang-yin (813-858) lästerte: „Kreisvorsteher ähneln Tigern. Wenn sie sich rühren, schaden sie den Menschen.“

Ausgabe 12 / Juni 2012

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