Kochen ist wie Kalligrafie

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Höllmann, Schlafender Lotos, trunkenes Huhn
Höllmann, Schlafender Lotos, trunkenes Huhn

Von Gerd BOESKEN
…. oder auch „Kochen ist wie Schlafen – man braucht es nicht erst zu lernen“. Mit diesen beiden Zitaten des neuzeitlichen Gourmets Ai Weiwei beschließt Thomas Höllmann seinen aufregenden Ritt durch drei Jahrtausende chinesischer Ess- und Kochkultur, ein atemberaubender Parcours durch Küchenlandschften, Kräu- terkunde, medizinische Diätetik und lukullische Exzesse, bei dem sich der Autor den Spezialitäten der kaiserlichen Hofüche ebenso widmet wie bäuerlichen Leckereien zum Frühlingsfest, potenz- und lustfördernden Mixturen wie all- gemeinen Prinzipien der vorbeugenden Gesunderhaltung durch Essen.
Wer angesichts des prallen Anhangs befürchtet, der belesene Sinologieprofessor liefere wissenschaftlich angedickte und schwer verdauliche Kost, sieht sich ange- nehm enttäuscht: Die „Kulturgeschichte der chinesischen Küche“ besticht durch lockere Komposition: historische und literarische Geschichte(n), gespickt mit ag- rarischer Sachkunde, Statistiken, klassischen Zitaten, garniert mit Bildern und Zeichnungen, die mich ein wenig an Sachbücher der 50er und 60er erinnern und die gewisse enzyklopädische Note betonen.
Gottseidank verliert sich Höllmann nie in grauer Theorie. Die vielen appetitanregenden Rezepte aus mehreren Jahrtausenden machen Lust, sie nachzukochen, um das, was dem Buch tatsächlich fehlt: die Düfte, Aromen, Arrangements und die kulinarische Atmosphäre, einzufangen. – Ein tolles Buch, jedem ans Herz zu legen, der sich auf das Abenteuer China auch im kulinarischen Sinne einlassen möchte. Einziges Manko vielleicht: chinesischen und sino- logischen Lesern fehlen die chinesischen Schriftzeichen der Zitate und Rezepte.
Thomas O. Höllmann: Schlafender Lotos, trunkenes Huhn.

Kulturgeschichte der chinesischen Küche

C.H. Beck Verlag, München 2010

256 Seiten, 19.95 Eur

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