Wer kennt Chongmingdao?

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Ausgabe 8 / Februar 2012

Von Petra Häring-Kuan

Taiwan kennt jeder. Von Hainan haben auch schon viele gehört. Aber wer kennt Chongmingdao, die immerhin drittgrößte Insel Chinas, in der Yangtzemündung und damit unmittelbar vor der Haustür Shanghais gelegen? Bis vor kurzem fristete sie ein abgeschiedenes Dasein. Nur wenige Besucher verirrten sich dorthin. Die Anreise mit Bus und Fähre war recht aufwendig. Nennenswerte historische Baudenkmäler gibt es nicht und auch sonst passierte dort nicht viel. In einer alten Redensart heißt es, die Menschen auf Chongmingdao lebten mit vier Generationen harmonisch unter einem Dach. Niemand brauche sich Sorgen über das Alter zu machen, denn dank fruchtbarer Böden, die durch Schlammablagerungen des Yangzi entstanden sind, und reicher Fischbestände hätte man ein bescheidenes Auskommen. Trotzdem wanderte die Jugend in den vergangenen drei Jahrzehnten ebenso wie anderenorts in China lieber in die modernen Städte ab. Sie wollte von dem beschwerlichen Landleben nicht mehr viel wissen. Dies scheint sich jetzt zu ändern.

Vor einigen Wochen lud ein Opernsänger ein paar Freunde und mich zu einem Ausflug nach Chongmingdao ein. Ich fragte mich verwundert, warum es ausgerechnet auf diese abgelegene Insel gehen sollte. Die Überraschung war groß. Über hochmoderne Autobahnbrücken und Tunnel ging die Fahrt. Im Nu waren wir dort. Von Abgeschiedenheit also keine Spur mehr. Wird die Insel deshalb denselben Weg wie Shanghai gehen und in den nächsten Jahren flächendeckend mit Hochhäusern zugepflastert? Die Behörden verfolgen offenbar andere Pläne. Sie sprechen von Naturschutz, ökologischen Projekten und Nachhaltigkeit. Chongmingdao soll der Garten Shanghais werden, ein riesiges Erholungs- und Freizeitgebiet. Bis zum Jahre 2020 werden über fünfzig Prozent der Insel mit Parkanlagen, Gärten und Wald bedeckt sein. Ich war erstaunt zu sehen, wie viele Ausflügler schon heute per Fahrrad, Boot oder zu Fuß unterwegs sind. Nicht nur die zum Teil atemberaubend schöne Umgebung gibt es zu genießen, sondern auch bestes Essen. Chongmingdao ist ein Geheimtipp für Gourmets. Berühmt sind Krebse, Fisch und saisonales Gemüse, aber auch Spezialitäten wie Fladen und Reismehlspeisen. Ein Fan unseres Gönners betreibt eine der komfortablen Hotelanlagen, die in den letzten Jahren auf der Insel entstanden sind. Er ließ es sich nicht nehmen, den Opernstar und dessen Freunde zu einem köstlichen Essen einzuladen. Von ihm erfuhr ich so manches Bemerkenswerte. Beispielsweise erzählte er, dass die Bauern Chongmingdaos im Schnitt acht Jahre länger lebten als die stressgeplagten Shanghaier. Dies sei auf die Nahrungsmittel zurückzuführen, die man qualitäts- und umweltbewusst erzeuge. Bis vor kurzem produzierten die Bauern hauptsächlich für den eigenen Bedarf. Doch seit sich die Nachricht von der höheren Lebenserwartung herumgesprochen hat, sind ihre Erzeugnisse der große Renner. Vor allem die gesundheitsbewussten Shanghaier Rentner stürmen die Insel und kaufen die Lebensmittel auf, was zu erhöhter Nachfrage und steigenden Preisen führt. Bei so manchem Insulaner erregt dies allmählich reichlich Unmut, denn neben steigenden Preisen gibt es auch noch verstopfte Bahnen und Busse zu beklagen. Die unternehmungslustigen Shanghaier Rentner reisen nämlich dank der Vergünstigungen im städtischen Nahverkehr zum Nulltarif und rücken deshalb gut gelaunt in wahren Scharen an.

Wie auch immer: wer Zeit und Gelegenheit hat, sollte Chongmingdao unbedingt einen Besuch abstatten. Es lohnt sich.

Chongming Dao
Ernte auf Chongming Foto: P. H.-K.

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