Erkenntnisse aus der Gagologie: Wie Chinesen über Deutsche lachen

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07.07.2015, Peking – Ein Mann bewirft in einer deutschen Stadt einen Beamten mit einer Tomate. Er wird daraufhin festgenommen. Dem Gesetz zufolge wird eine Attacke mit einer grünen Tomate härter bestraft als mit einer weicheren roten. Nach gründlichen Ermittlungen wird jedoch festgestellt, dass es sich im vorliegenden Fall um eine gelbe Tomate gehandelt hat, wozu das Gesetzbuch keine Angaben macht. Mangels Vorschriften wird der Mann ohne Strafe entlassen.

Nicht besonders lustig? In China ist man sich mit dieser hier nach genauem Wortlaut übersetzten fiktiven Geschichte auf jeden Fall ein paar Lacher sicher. Durch chinesische Internetsphären schwirren so einige Witze über die Eigenart der Deutschen. Ganz gleich, ob in Witze-Threads auf Bloggingportalen, auf interkulturellen Austauschplattformen oder in umfangreichen Witze-Anthologien – überall wird man fündig. Zu den beliebtesten Seiten gehören haha365.com und zhongwen-youmo-wang. Auf der Seite „König der Witze“ spaßt man in aller Kürze:

Wenn ein Auto mitten in der Nacht an einer menschenleeren Kreuzung an der Ampel hält, dann muss der Fahrer ein Deutscher sein.

Hm. Nun ja. Ist etwas Wahres dran, aber ebenfalls keinen Lacher wert? Dann liegt das wohl weniger daran, dass Chinesen keinen Humor haben oder ironieresistent wären, wie ein verbreitetes Vorurteil lautet. Linguisten argumentieren, dass der Witz vielmehr aus kulturellen Gründen anders strukturiert sei, oder dass bei dem Transfer in eine andere Sprache der Wortwitz auf der Strecke bleibe. Das Grundschema der „Skriptopposition“, also das aneinander Vorbeilaufen von erwartetem und tatsächlich erzähltem Handlungsverlauf, greife nur noch sehr bedingt.

Auch unterschieden sich Witze grundlegend in Hinblick auf die Zielgruppe. Stehen bei uns statistisch gesehen Blondinen, Ostfriesen und Mantafahrer ganz oben auf der Liste, so sind es in China die Schwiegersöhne und die „Laowai“ – der große, homogen aufgefasste Gesamtkorpus der Ausländer. Wie die oben genannten chinesischen Deutschlandwitze fallen auch die „Laowai“-Geschichten in die Kategorie der „ethnischen Witze“, denen in der Regel Vorurteile, Klischees und den fremden Kulturen zugeschriebene Charaktereigenschaften zugrunde liegen. Für Erheiterung sorgen die Ausländer insbesondere dann, wenn sie sich anmaßen, die chinesische Sprache zu sprechen. Meist schwingt ein wenig Stolz in den Witzen mit, schließlich ist kaum eine Sprache der Welt so geschichtsträchtig, so komplex und so schwierig zu erlernen, wie das Chinesische. In den meisten Fällen ist der Versuch einer treffenden Übersetzung vergeblich, da beim Transfer der Sprachwitz verloren geht, etwa bei missverstandenen Homophonen oder Floskeln. Ein Beispiel zur Veranschaulichung:

Ein Ausländer wird zu einer chinesischen Hochzeit eingeladen. Als er dem Hochzeitspaar gratuliert und die Schönheit der Braut preist, antwortet der Bräutigam bescheiden dankend „Nali nali“. (wobei „Nali“ direkt übersetzt „wo“, „an welchem Ort“ heißt, aber in diesem Zusammenhang als Ausdruck der Bescheidenheit zu verstehen ist, im deutschen Sinne etwa „Ach wo, keineswegs!“). Der Ausländer kennt nur die direkte Übersetzung des Wortes, sieht sich daher in einer unangenehmen Situation und antwortet beschämt. „Hm, nun ja. Die Haare, die Augenbrauen, die Augen, die Ohren, Nase und Mund. – Alles ist sehr schön!“ Damit blamiert er sich vor Brautpaar und geladenen Gästen

Stehen Unwissenheit, Beschränktheit oder Unfähigkeit des undefinierten Ausländers hier im Vordergrund, so kommen Deutsche vergleichsweise glimpflich davon. Sie gelten als penibel, übergenau, engstirnig, wenig flexibel, übergründlich und regelverliebt. Sehr gerne bringt man dies auch im Vergleich zu Vertretern anderer Nationen zum Ausdruck, was zugleich eine pädagogische Funktion erfüllen soll. Die verkürzte Version eines Weibo-Hits:

Ein Ausländer verliert eine Münze. Handelte es sich um einen Engländer, so würde dieser nur kurz mit den Schultern zucken und dann seiner Arbeit nachgehen. Ein Amerikaner würde nervös einige Male auf seinem Kaugummi herumkauen. Ein Japaner würde sich schärfster Selbstkritik unterziehen, um solch einen Vorfall in Zukunft zu vermeiden. Der Deutsche hingegen würde zunächst die Polizei verständigen, dann im Umkreis von 100 Metern ein Markierungsraster anlegen und mithilfe einer Lupe jeden einzelnen Quadratmeter durchkämmen.

….Das soll an dieser Stelle der letzte Versuch gewesen sein. Wie sieht es eigentlich in umgekehrter Richtung aus, wie kommen deutsche Witze in China an? Da macht sich gleichermaßen eine tiefe Kulturkluft breit. Gefragt sind allerdings die deutschen Blondinenwitze – was wohl auf das Phänomen der Schadenfreude zurückzuführen ist. Oder auf die Weisheit Johann Wolfgang von Goethes, der schon vor 200 Jahren wusste: „Durch nichts bezeichnen die Menschen mehr ihren Charakter als durch das, was sie lächerlich finden.“ (Miriam Nicholls, CRI)

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