Interview mit den Hauptdarstellern von „Das Teehaus“

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Mit Unterstützung des Reiseveranstalters China Tours präsentierte das Beijing People’s Art Theatre im Juli das Theaterstück “Das Teehaus” von Lao She. 
Gezeigt wurde die Geschichte des Teehausbesitzers Wang Lifa über einen Zeitraum von fünfzig Jahren: von 1898, der Zeit der späten Qing-Dynastie und ihren ersten Versuchen, das Land zu reformieren, über die frühen Tage der Republik im Jahre 1918 bis 1945, nach dem Ende des zweiten chinesisch-japanischen Krieges.


Das Teehaus ist ein Spiegel der chinesischen Gesellschaft, seine Gäste und Besucher repräsentieren den gesellschaftlichen Wandel in den unterschiedlichen Zeitabschnitten. Der Zuschauer verfolgt Karrieren und Niederlagen Einzelner und erlebt immer wieder die Ausbrüche von Gewalt und politischen Katastrophen, die auch das Teehaus in Mitleidenschaft ziehen. Wang Lifa, sein Besitzer, hat das Teehaus von seinem Vater geerbt und tut alles, um das Lebenswerk seines Vaters weiter zu führen, gegen alle Widerstände, auch noch im hohen Alter. Bis er, erschöpft, seinem Leben ein Ende setzt.

Seit seiner Uraufführung 1958 hat sich “Das Teehaus” von Lao She zum dauerhaften Klassiker des modernen chinesischen Theaters entwickelt. Das Beijing People’s Art Theatre, gegründet 1952, gilt als Chinas prestigeträchtigstes Schauspielhaus. Mit diesem Stück geht es seit 1980 auch auf internationale Gastspielreisen, es hat sich als Musterbeispiel des zeitgenössischen chinesischen Schauspiels in aller Welt etabliert.

Ein Interview mit den Hauptdarstellern Liang Guanhua, Pu Cunxin und Yang Lixin:


Deutsch-Chinesische-Allgemeine: Herr Liang, Sie stehen heute wieder auf der Bühne vor einem deutschen Publikum. Können Sie bei der Reaktion auf das Stück einen Unterschied zwischen den chinesischen und deutschen Zuschauern feststellen?

Liang Guanhua: Ich bemerke keinen Unterschied. Es gibt wegen der Untertitel nur eine kleine Zeitverschiebung bei den Reaktionen. Das deutsche Publikum soll das Stück sehen; es ist wichtig das chinesische Theater und die Kultur zu zeigen. Es ist nicht so schlimm, wenn die Leute nicht alles verstehen. Es ist eine gute Gelegenheit, die chinesische Kultur kennen zu lernen. Das deutsche Publikum zeigt ein gutes Verständnis.

Die chinesischen Zuschauer haben doch ein tieferes Verständnis für das Stück, viele Anspielungen gehen uns verloren, Redewendungen ebenso. Dies wirkt sich doch aus auf die Reaktion des Publikums: Lachen, Mitleid.

Ja, das kann passieren. Aber die Reaktion des Publikums ist richtig. Der Löwenanteil ist perfekt

Sie kennen die Theaterstücke  „Leben“ (活着)und „Bernstein“ (琥珀)?
Unter der Leitung des renommierten Avantgarde-Regisseurs Meng Jinghui wurden diese Stücke in Hamburg aufgeführt. Mit beiden Stücken hätten Sie die Chance, von der Qing Dynastie bis in die Gegenwart eine zentrale Figur darzustellen. Könnten Sie sich vorstellen als Fugui aufzutreten?

Ich kenne das Buch „Leben“, aber nicht das Theaterstück. Ich würde gern diese Rolle übernehmen, doch ich bin zu korpulent, also nicht überzeugend bei meiner Figur. Chinesen reagieren anders als Deutsche. Arme Menschen sind stets dünn. Daher sollte ich diese Rolle nicht spielen.

Liang Guanhua vor seinem Auftritt
Liang Guanhua vor seinem Auftritt

Ich habe einmal einen Arbeitslosen gespielt und eine Rolle als Kriminalbeamter während der Tang Dynastie übernommen. Ich war in vielen Rollen zu sehen. Als Berufsschauspieler muss man bereit sein für viele Rollen. Ich möchte mich nicht auf eine Rolle festlegen lassen und strebe eine Vielfalt an.

Das „Teehaus“ zeichnet das Schicksal seines Besitzers und seiner Besucher von der Qing Dynastie über die Revolution, Japanische Besatzung, Bürgerkrieg zwischen der Guomindang und Maos Truppen bis 1945 nach. Wie wird diese Entwicklung dem Publikum klar gemacht?

Das Aussehen der Personen, die Kleidung, die Schminke, die Sprache: Alles ändert sich.

Spiegelt sich auch in den Gesprächen der Besucher des Teehauses die politische Veränderung wider?

Der Autor Lao She ist ein großer Erzähler. Phase für Phase zeigt sich die Veränderung in der Sprache, den Gedanken, den Gefühlen. Lao She trifft mit einem Satz: „Oh Qing Zeit“ die Gefühle der Teehausbesucher. Die Dichte des Ausdrucks: Das ist die hohe Kunst und Besonderheit des Autors.

Hätte Herr Wang nicht eines natürlichen Todes sterben können anstatt sich aufzuhängen?

Der Autor hat 1954 vor dem Hintergrund der Geschichte das Stück geschrieben. Es ist ein Loblied für den neuen Staat. 1945 beendet Wang Lifa sein Leben. Noch vor der Gründung der VR China. Damit tritt die alte Welt ab, löscht sich selber aus. Wang ist ein Lebenskünstler, engagiert sich mit allen, will überleben. KEINE POLITIK steht auf einem Schild in seinem Lokal. Solch ein Überlebenskünstler muss sich folgerichtig am Ende aufhängen. Nur die Revolution kann etwas ändern. Lao She blickte voller Hoffnung auf die neue Welt. Deshalb ist der Tod ein dramatisches Muss: Eine Klage gegen die alte Welt.

Der letzte Kaiser verhielt sich anders, Wang hängt sich auf.
Der Kaiser steht hoch oben. Die Kommunisten wollten ein Exempel statuieren. Wang ist ein normaler Bürger, nicht so bedeutsam. Der Kaiser ist als Symbolfigur wichtig. Die Bevölkerung nimmt Anteil. Mit der erfolgreichen Propaganda, „der Mensch kann umgewandelt werden“, wollte sich die  Partei nicht eine Chance entgehen lassen.

YangLixin (1. v.l.), Liu Guosheng (2. v.r.), Pu Cunxi (1. v.r.)
YangLixin (1. v.l.), Liu Guosheng (2. v.r.), Pu Cunxi (1. v.r.)


Herr Pu in ihrer Rolle als Chang Si beobachten Sie die Entwicklung im Teehaus ihres besten  Freundes.

Pu Cunxin: Ich bin nur ein Teehausbesucher, kein Freund. Am Ende der Qing Dynastie, zu Beginn der Revolution, gehöre ich noch der Großfamilie der Qing an. (Anm.: Als Angehöriger einer der 8 Brigaden erhielt er eine lebenslange Besoldung vom kaiserlichen Hof). Mit dem Untergang der Qing verlor ich auch meinen Status. Ich wurde zum „laolepaize“. (Anm.: Abschätzig auf Pekinger Dialekt; es bedeutet Schadenfreude, Verlust an Ruhm und Stolz; auf den Boden gestürzt. Viele Pekinger verstehen heute die Bedeutung des Wortes nicht mehr). Ich kehre als Gemüsehändler in das Teehaus zurück und im letzten Akt als Erdnussverkäufer. Niemand schert sich mehr um mich. Vom Himmel in die Hölle gestürzt, vom sorglosen Leben zur Armut. Ins Teehaus gehe ich, um alte Gesprächspartner zu  treffen. Hier fällt auch mein wichtiger Satz. „Ich liebe das Land/die Welt, aber wer liebt mich“. So hocken die drei Alten zusammen und beurteilen die Lage mit Humor, Ironie, Melancholie und etwas Wut über die Entwicklung der Politik.

Chang Si hängt sich nicht auf wie Wang Lifa.

Im Teehaus hat Wang ein Schild aufgehängt mit dem Satz KEINE POLITIK. Im ersten Akt habe ich einmal gesagt, dass die Qing Dynastie zu Ende geht. Ich wurde verhaftet, denn ich habe ein Tabu gebrochen. Im dritten Akt wiederhole ich diesen Fehler und spreche vom Untergang der Herrschaft.

Liegt eine versteckte Kritik an der Politik in dem Satz: „Ich liebe mein Land, aber wer liebt mich?“ Ich lasse mich nicht unterkriegen?

Lao She hat den Verlauf der Geschichte konzentriert auf die Bühne gebracht. Vergleichbar mit Puschkin, der die russische Politik literarisch dargestellt hat. Lao She ist ein Meister der Sprache. Er hat die Schriftsprache in Umgangssprache umgesetzt.

Lao She ist 1966 gestorben. Er hätte doch die Geschichte fortschreiben können über 1945 hinaus. Die Darstellung unter Mao wäre für mich als Historikerin sehr interessant.

Lao She hat Selbstmord begangen. In der Nacht um 1 Uhr sagte er den Satz: „Ich liebe das Land, aber wer liebt mich.“

Das ist bitter.

Heute Abend werde ich den Satz anders sprechen. Ich denke an das Ende Lao Shes, sein Schicksal. Nach unserem Gespräch werde ich so handeln.



Herr Yang welche Rolle spielen Sie in dem Stück, und wie stehen Sie zu dem Teehaus Besitzer Herrn Wang?

Yang Lixin: Ich stelle den Adligen Qin Zhongyi dar. Ich besuchte bereits als Kind mit meinem Vater das Teehaus, ich bin also ein alter Kunde. Doch nun ist meine Familie in Armut gestürzt. So bringe ich meine eigenen Teeblätter und Kekse mit in das Teehaus. Um das Gesicht nicht zu verlieren, gesehen zu werden, besuche ich weiterhin das Teehaus.

Sie spielen diese Rolle mit Zuneigung zu Herrn Wang?

Es ist eher eine Sache der Gewohnheit. Die Umgebung ist vertraut, man trifft alte Freunde. Früher habe ich alles selber bezahlt. Nun bin ich bitter arm. Aber meinen Stammtisch gebe ich nicht auf. Als Abkömmling aus kaiserlicher Familie bekam ich eine Besoldung vom Kaiser. Doch die Qing Dynastie ging Schritt für Schritt unter. Die Besoldung wurde magerer. Es begann ein schleichender Prozess, der zum „natürlichen Tod“ führen musste. Um das Gesicht zu wahren, gehe ich weiter ins Teehaus. Ich trage noch aus alter Verbundenheit mit der Dynastie den Zopf, obgleich der nach der Revolution längst abgeschafft wurde. (Anmerkung: Revolutionäre Soldaten hetzten Zopfträger durch die Straßen und schnitten ihnen die Zöpfe ab). Bereits im zweiten Akt ist meine seidene Kleidung verschlissen, dennoch wechsele ich sie nicht.

The man who kept his form, vergleichbar einem englischen Gentleman?

Ja, so könnte man die Rolle sehen.


Wir danken für die Gespräche.


[Das Interview führten Helga von der Nahmer und Lu Rong. Fotos Lu Rong]

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