Umweltschutz im Unterricht

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07.10.2015, Beijing – Beijings Lehrplanreformen sollen Schüler dazu bringen, durch eigene Erfahrungen und kreative Lösungsansätze mehr über ein gesünderes und sinnvolleres Leben zu lernen.  

Vom Konzept „Schönes China“, einer wohlklingenderen und breiter ausgelegten Interpretation des politischen Slogans „ökologische Zivilisation“, hören die Schüler in den Klassenzimmern der Hauptstadt zurzeit pausenlos. Das ist Teil der laufenden Schulreformen, deren Ziel die Umgestaltung des Unterrichts durch neue Lehrpläne für die Grund- und Mittelschule ist. So sollen schon die Jüngsten lernen, sich selbst zu motivieren, ihr Potenzial voll auszuschöpfen und einen Beitrag zu einer gesünderen und ökologisch aufgeklärten Stadt, Nation und Welt zu leisten.  

Belege für den Erfolg dieser Bemühungen wurden beim Spring Exchange Day in einer Wohnanlage im Stadtviertel Chaoyang am 9. Mai präsentiert. Alte Zeitungen und benutzte Plastikflaschen konnten dort gegen Zimmerpflanzen oder Bio-Bohnen getauscht werden. Die Teilnehmer waren hauptsächlich Senioren, einzige Ausnahme war ein Mittelschüler. Er kippte seinen Rucksack voller Plastikflaschen aus, ging nach Hause und kam mit einer großen Tasche mit noch mehr Plastikbehältern zurück. „Wir alle müssen tun, was wir können, um die Erde zu schützen“, antwortete er auf die Frage, warum er das tue.  

Ein neues Paradigma  

Beijings Lehrplanreformen wollen Schüler zu einem problemlösungsorientierten Lernen ermutigen. In Gruppen diskutieren und testen sie mögliche Lösungen und präsentieren ihre Ergebnisse anschließend vor den anderen Schülerteams. Viele Schüler haben sich dabei freiwillig dafür entschieden, an Problemen rund um den Umweltschutz zu arbeiten.   

In der Grundschule Fangcaodi wählte man diese Unterrichtsmethode, um sich mit dem Problem der belasteten Luft in Innenräumen zu befassen. Viele Fragen kamen auf, z.B. „Macht es einen Unterschied, welches Wasser im Luftbefeuchter verwendet wird?“. In Gruppen testeten die Schüler verschiedene Wassersorten, verglichen und analysierten ihre Ergebnisse und kamen zu einer eindeutigen Schlussfolgerung: Ja, das Wasser spielt eine Rolle.  

Beijings Bildungsbehörden wollen Schüler, die selbständig denken und eigene Interessen entwickeln, die ihrer Stadt und am Ende dem gesamten Planeten helfen wollen und die dies sowohl mündlich als auch schriftlich zum Ausdruck bringen können. Wie effektiv der neue Lehrplan ist, bleibt abzuwarten, aber die für die Initiative zuständige Beijinger Akademie für Erziehungswissenschaften (BAES) scheut keine Mühen, damit sie ein Erfolg wird.   

Der an eigenen Erfahrungen ausgerichtete Unterrichtsansatz ist nicht nur auf die Umwelterziehung beschränkt, sondern Teil einer breiter angelegten Initiative. Im September 2014 rief die Hauptstadt das neue Programm Beijing City Resources for Experiential Learning (BCREL) für Grund- und Mittelschüler ins Leben. Das Programm sieht vor, dass mindestens zehn Prozent der Unterrichtsstunden in allen Fächern außerhalb des Klassenzimmers stattfinden sollen.   

Unterrichtet werden soll in Museen, Unternehmen, Laboren, Universitäten und Umweltzentren in Parks. Auch Gemeindeeinrichtungen sollen als Klassenzimmer genutzt werden. Das neue Programm ist mittlerweile integraler Bestandteil des Lehrplans und der Lernziele für staatliche Schulen.  

In einer eigens eingerichteten Forschungsstelle schulen Lehrer und Experten Pädagogen darin, außerschulische Unterrichtsorte effektiv zu nutzen, dafür spezielle Unterrichtsmaterialien zu entwickeln, die interdisziplinär genutzt werden können und sicherzustellen, dass die Schüler das Gelernte im Alltag anwenden können. Das Zentrum ist neben den Leistungen von Lehrern und Schülern auch für die Umsetzung und Auswertung des Programms verantwortlich 

Zurzeit werden im Rahmen des BRCEL-Programms außerschulische Unterrichtsorte eingerichtet. Lehrer durchlaufen eine professionelle Fortbildung, um konkrete Projekte zu entwickeln, die sie als Modell für ihren eigenen Unterricht nutzen können. Wissenschaftler untersuchen, wie man die Schüler am besten zu innovativem Denken anregen kann. Lehrer denken darüber nach, wie man das kreative Denken der Schüler fördern und praktische Fähigkeiten entwickeln kann, die nötig sind, damit sie einen Beitrag für die Gemeinschaft leisten können .  

Ein Teil des neuen Lehrplans wird in den Schulen bereits umgesetzt und ausgewertet. Schüler, die im Juni an der diesjährigen Mittelschulprüfung, der zhongkao, teilnahmen, wurden bei einigen Themen eher nach ihren Empfindungen als ihrem Fachwissen gefragt. Das Feedback der Eltern auf die Veränderungen ist überwiegend positiv.  

Jia Meihua, Direktor der Abteilung „Grundschulunterricht“ an der BAES, erläuterte die Ideen, die dem BCREL-Programm zugrunde liegen. „Chinas Schüler schneiden sehr gut in Tests ab. Jetzt wollen wir, dass sie die Schule mit der Fähigkeit verlassen, ihr Wissen praktisch anzuwenden, um ihr Potenzial auszuschöpfen.“ Kurz gesagt, das BAES will eine Schulbildung ermöglichen, die aus dem abstrakten Potenzial eines Schülers etwas ganz Konkretes macht.  

Teile des Programms sind aus John Deweys Konzept „Lernen durch Erfahrung“ entlehnt. Wie der amerikanische Pädagoge selbst einmal sagte: „Bildung ist selber ein Teil des Lebens und nicht nur eine Vorbereitung darauf.“  

Für die Gesellschaft einen Beitrag zu leisten, könne den Schülern ein Gefühl der Wertschätzung und Selbstachtung, des Lokalpatriotismus und der Verantwortung vermitteln, meinen Erziehungsexperten.  

Professionelle Entwicklung 

Im November 2014 forderte die BAES Schulen in Chaoyang auf, am Olympic Forest Park, einem Naturschutzgebiet, das einen großen Teil des Olympiaparks ausmacht, eine Fallstudie durchzuführen. Die Studie begann mit einem Workshop zum Thema „Nutze deine fünf Sinne zur Erzeugung von Symbiose.“ Es nahmen Lehrer aus den USA und China daran teil, Grundlage der Veranstaltung war das chinesische Prinzip der Harmonie zwischen Mensch und Natur.  

Kann dieses Prinzip den Schülern dabei helfen, eine Beziehung zur Natur aufzubauen und sie dazu inspirieren, einen Beitrag für ihre Gemeinschaft zu leisten? 

Die amerikanischen Lehrer entwickelten eine aufregende Erkundung der fünf Sinne in der Natur und wogen das Für und Wider der Symbiose ab. Die chinesischen Lehrer schätzen diesen frischen Ansatz. Da es sich bei dem Projekt um eine einjährige Fallstudie handelte, organisierten sie ihr Programm aber auf andere Weise und nutzten den Beijing Education ESD Curriculum Guide. Die Schüler konnten selbst entscheiden, durch welches Medium – Malen, Gedichte, Musik oder Wissenschaft – sie sich der Natur nähern wollten.  Das Programm erwies sich als voller Erfolg. Es entstanden bewegende Gedichte, künstlerische Arbeiten im Wald und sie machten Musik mit Wasser. Die Schüler waren von ihren Erlebnissen sichtlich berührt.  

Im Mai fand eine weitere Fortbildungstagung statt, bei der sechs Lehrergruppen die Rolle der Schüler übernahmen und eine Unterrichtsstunde entwarfen. Jedes Team bestand aus Vertretern unterschiedlicher Disziplinen. Das Unterrichtsziel bestand darin, ein bestimmtes  Objekt auszuwählen, es aus fachlicher Perspektive zu diskutieren und dann eine Präsentation zu erstellen, die seinen interdisziplinären Wert aber auch Aspekte, die die Schüler interessieren könnten, berücksichtigen sollte. Schlüssel zu diesem Prozess war die Frage „Wie könnte ein Schüler das Objekt praktisch nutzen, damit es ihm selbst und anderen etwas bringt?“

Die Gruppe zum Thema „Erde“ leistete eine beachtliche Arbeit. Sie recherchierte zunächst selbst und stellte dabei fest, dass kein Lebewesen ohne Erde leben kann. Durch ihre eigene Erkenntnis motiviert, begriffen die Lehrer, dass dies auch der Knackpunkt ist, um Schüler für ein Thema zu begeistern, das ihnen buchstäblich zu Füßen liegt. Die Gruppe setzte damit die Grundsätze des neuen Lehrplans auf gelungene Weise um: aus eigener Begeisterung zu innovativem Denken anregen und praktische Anwendungsmöglichkeiten bieten, die die Schüler mit nach Hause nehmen und an die sich im täglichen Leben erinnern können.  

„Beijing hat reiche natürliche und menschliche Ressourcen. Wir wollen die Schultore öffnen und die Ressourcen in- und außerhalb der Schule integrieren“, erklärte Liu Ling, Mitglied des Koordinationsteams.  

Von 2014 bis 2015 werden immer mehr Teile des Programms in Schulen und Bildungseinrichtungen eingeführt. Dies ist ein praktischer Weg, alle Schüler zu selbstmotiviertem Lernen anzuregen und anzuleiten. Wenn 4 Millionen Schüler jahrelang auf diese Art lernen, kann daraus eine neue umweltfreundliche Gesellschaft entstehen? Antwort auf diese Frage kann nur die Zeit geben.  

Der Autor ist ein amerikanischer Pädagoge, der sich wissenschaftlich mit der Entwicklung der  Umwelterziehung in Beijing befasst. Mitverfasser ist Qin Ping.  

(Peking Rundschau)

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