Wenn Giganten größer werden

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25.11.2015, Beijing – Die beiden größten chinesischen Online-Reisebüros vereinigen sich. Wo bleiben dabei die kleineren Marktteilnehmer? 

Die beiden führenden Online-Reisebüros – Ctrip.com International Ltd und sein Erzrivale Qunar Cayman Islands Ltd – haben sich auf einen Aktientausch und eine Partnerschaft geeinigt. Dadurch wird Chinas größtes Online-Reisebüro entstehen. Die Fusion kommt inmitten eines harten Wettbewerbs für Online-Reisebüros in China, wo steigende Einkommen und eine wachsende Mittelschicht eine Reisewelle antreiben – einer der wenigen Lichtblicke in einer sich verlangsamenden Wirtschaft. 

Laut der Vereinbarung, die am 26. Oktober veröffentlicht wurde, wird die chinesische Suchmaschine Baidu Inc, die die Mehrheitsbeteiligung bei Qunar hält, 25 Prozent von Ctrip und Ctrip wiederum wird 45 Prozent der Aktien Qunars bekommen. Die Unternehmen werden laut einer Stellungnahme von Ctrip auch ihre Produkte und Dienstleistungen vermischen. 

Vier Repräsentanten Ctrip.coms werden in den Vorstand Qunars aufgenommen. Darunter sind der Verwaltungsratsvorsitzende und Generaldirektor James Liang und die stellvertretende Generaldirektorin Jane Sun. Zwei leitende Manager von Baidu – der Verwaltungsratsvorsitzende und Generaldirektor Robin Li und der Vizepräsident Tony Yip – werden im Vorstand von Ctrip sitzen. 

Repräsentanten beider Seiten sagten, dass der Zusammenschluss es ihnen erlauben werde, bessere Produkte und Dienstleistungen anzubieten und sie so weniger Energie für die Preisgestaltung verwenden müssten. Ctrip und Qunar waren knietief in einem Preiskrieg versunken, um so viele Marktanteile wie möglich zu bekommen, womit beide Firmen ihre Gewinnspannen schmälerten. 

„Wir sind von dieser Transaktion begeistert, da wir glauben, dass sie dabei helfen wird, ein gesundes Reiseökosystem in China aufzubauen. Diese Transaktion ist ein Meilenstein und wird es uns ermöglichen, uns auf die besten Reiseprodukte und -dienstleistungen zu konzentrieren“, sagte Ctrips CEO Liang in einer Stellungnahme. 

Ctrips in den USA notierte Aktien legten nach der Bekanntmachung um rund 35 Prozent zu und schlossen mit 90,78 USD am 26. Oktober. Qunars in den USA notierte Aktien stiegen anfangs auf ein Fünfmonatshoch von 49,71 USD, schlossen aber bei 42,65 USD – ein Verlust von rund 17 Prozent. 

Die beiden Unternehmen werden, laut Daten von Analysys International, einer Beijinger Internet Consultingfirma, zusammen 70 Prozent des chinesischen Online-Reisemarktes kontrollieren. Doch die Struktur des Deals vermeidet, dass die Unternehmen nach rechtlichen Standpunkten ein Marktmonopol haben. 

„Baidu, Ctrip und Qunar haben die Kreuzbeteiligung in ihrer Partnerschaft festgesetzt, anstatt Ctrip direkt Qunar übernehmen zu lassen. Daher ist es rechtlich gesehen kein Monopol. Aber ihre Partnerschaft bringt eine große Bedrohung für die Konkurrenz“, sagt Wei Changren, CEO von Ctcnn.com, einem Webportal, das die chinesische Tourismusindustrie verfolgt. 

Ein unvermeidbarer Trend 

Der Deal zwischen Ctrip und Qunar ist nur der letzte in einer Reihe von Zusammenschlüssen zwischen rivalisierenden Internetfirmen in China, um mehr Marktanteil zu gewinnen und sich der Konkurrenz zu erwehren. 

Im Februar hatten sich Didi Dache und Kuaidi Dache, zwei führende Taxiunternehmen in einem Aktientausch im Wert von 6 Milliarden USD zusammengeschlossen. Im April vereinigten sich 58.com, ein Anbieter ähnlich wie Craigslist, mit seinem Erzrivalen Ganji.com. Der letzte Fall war der Zusammenschluss der Gruppenkaufseite Meituan.com und dem Kundenbewertungs- und Gruppenkaufportal Dianping.com Anfang Oktober. 

Laut Daten von iResearch, einem Marktforschungsinstitut spezialisiert auf Chinas Internetsektor, wird der chinesische Online-Reisemarkt im kommenden Jahr aufblühen. Die Transaktionswerte der Online-Reisebüros ergaben insgesamt 87,5 Milliarden Yuan (13,75 Milliarden USD) im ersten Quartal dieses Jahres, eine Steigerung von einem Jahr auf das andere um beinah 30 Prozent. 

Aber der Wettbewerb zwischen den Unternehmen hat dazu geführt, dass viele Unternehmen ihr Kapital schneller verbrauchten und Werbekampagnen und Rabattaktionen machten, um mehr Kunden anzulocken, was aber die Gewinnspannen drückte. 

„Ctrip und Qunar sind seit Jahren in einem intensiven Wettbewerb und beide haben viel darin investiert. Das führte dazu, dass Qunar viel Geld verlor und Ctrip ebenfalls nicht viel verdiente, ein schlechtes Resultat, das die Investoren beider Unternehmen nicht gerne sahen“, sagte Wei. 

Ctrip und Qunar haben im letzten Jahr viel Geld verloren. Qunar sah sich mit einem Nettoverlust von 1,85 Milliarden Yuan (291 Millionen USD) im Jahr 2014 konfrontiert, mehr als die Gesamteinnahmen in diesem Jahr. Trotz eines starken Umsatzanstieges im zweiten Quartal 2015 verzeichnete Qunar erneut einen Reinverlust von 815,7 Millionen Yuan (128,15 Millionen USD). Ctrip berichtete ebenfalls von einem Reinverlust von 36 Millionen USD im vierten Quartal 2014 und 20 Millionen USD im ersten Quartal dieses Jahres. Ctrip meldete einen Nettoprofit von 23 Millionen USD im zweiten Quartal 2015, aber die operative Gewinnmarge bleibt niedrig, bei nur zwei Prozent, laut den Finanzunterlagen des Unternehmens. 

Liu Zhaohui, der Gründer des Consultingunternehmens für Online-Reisebüros TripVivid erwartet mehr Fusionen in der Internetindustrie, besonders bei den Online-Reisebüros. 

„Es ist ein unvermeidbarer Trend. Die Preiskriege, die von einem großen Kapitalzufluss gestützt worden waren, sind nicht nachhaltig. Die Abkühlung der Kapitalmärkte hat die Online-Unternehmen zu Partnerschaften gezwungen“, sagte Liu. 

Aber die Fusion von Ctrip und Qunar wird ein heftiger Schlag für die traditionellen, stationären Reisebüros, sagte Liu Simin, Vizegeneralsekretär der Beijing Travel Society. 

Reaktionen der kleineren Mitbewerber 

Experten und Bracheninsider sagen, dass Nischenanbieter ihr spezielles Segment besser ausbauen müssen und sich genauer im Markt positionieren müssen, wenn sie die Fusion der beiden Giganten überleben wollen. 

Die Online-Reiseindustrie, die Flugtickets, Hotelzimmer, Eintrittskarten und geführte Touren umfasst, ist das zweitgrößte Segment im chinesischen Internetsektor. Laut einem Bericht, den Goldman Sachs am 26. Oktober veröffentlichte, umfasst das Gesamttransaktionsvolumen im Jahr 2014 rund 366 Milliarden Yuan (57,5 Milliarden USD). 

Laut dem Bericht erwartet man eine Verdreifachung des chinesischen Online-Reisemarktes von rund 60 Milliarden in 2014 auf rund 196 Milliarden USD im Jahr 2020. Die Online-Reichweite soll von 28 auf 54 Prozent steigen. Ctrip und Qunar werden langfristig im Spitzenfeld sein, mit einem kombinierten Anteil von 57 Prozent im Jahr 2014 im chinesischen Online- Flug- und Hotelbuchungssektor. 

Einige neue Shops werden vergleichbar sein und in der Lage sein, mit Ctrip, Qunar und Alitrip, das Reisebüro des Giganten im E-Commerce Alibaba, in einen Wettbewerb zu treten. Der Bericht besagt aber, dass es neue Gelegenheiten in anderen Marktsegmenten geben werde. Aktuelle Fälle beinhalten Tujia.com, das nichtstandardisierte Unterkunftsdienstleistungen anbietet und mafengwo.com, ein Unternehmen, das sich auf Reiseerfahrungen konzentriert. 

Die Zeit, in der Online-Reisebüros für ein zusätzliches Stück im Flugticket- und Hotelbuchungssegment gekämpft haben, ist vorbei und neue Chancen warten im Auslandstourismus, sagte Wu Zhixiang, CEO der Reisebuchungsseite LY.com, ein vergleichsweise kleiner Marktteilnehmer. Er sagte, dass sich LY.com in den nächsten Jahren hauptsächlich auf dieses Gebiet konzentrieren werde. 

Die Business-to-Business (B2B) Hotelbuchungsseite Biz.ziztour.net wird sich darauf konzentrieren, Unternehmen bei Hotelreservierungen zu helfen und die betriebliche Leistungsfähigkeit von Hotels zu verbessern, sagte ihr Geschäftsführer Li Shangnan. 

„Ctrip und Qunar haben bereits den Löwenanteil der Hotelbuchungen der Individualkunden. Niemand mehr kann hier mit ihnen in einen Wettbewerb treten“, sagte Li. „B2B Online-Direktverkaufsplattformen sollten sich darauf konzentrieren, den Hotels ihre Geschäfte mit besseren Technologien auszuhelfen. Es geht nicht nur darum, Reservierungen zu machen, sondern darum, die Profitabilität der Hotels zu steigern.“ 

Biz.ziztour.net sagt, es habe beinah 20.000 aktive User, einschließlich Reisebüros und Unternehmens in mehr als 100 Städten in China. 

Jia Jianqiang, Gründer des Reisebuchungsportal 6renyou.com, sieht auch Möglichkeiten für kleine Unternehmen, Marktsegmente von Ctrip und Qunar zu holen. 

„Da der Geschäftsreisemarkt reift, wird das nächste Schlachtfeld der Erholungsmarkt für durchschnittliche Chinesen. Ctrip und Qunar haben hier keinen besonders großen Marktanteil. Daher können sich hier kleinere Marktteilnehmer nach wachsenden Chancen umsehen“, sagte er. 

(Beijing Rundschau)

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