Geschichte der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Qingdao und Deutschland. Teil 1

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Unter dem Motto “Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung” war von September 2007 bis Oktober 2010 die Bundesrepublik in Form eines Dorfes aus Pavillons auf öffentlichen Plätzen in chinesischen Städten zu Gast. Man beschränkte sich damals auf Kommunen des so genannten “second tier”, also Großstädte, die trotz mehrerer Millionen Einwohner gewöhnlich nicht im Fokus europäischer Aufmerksamkeit stehen. Die Pavillons aus Bambus als tragendem Bauelement im Doppelpack mit Biergärten dienten als Schaufenster deutscher Technologie und Lebensart. Qingdao wollte die Roadshow deutscher Wirtschaft und Kultur damals nicht beherbergen, vielleicht weil man ausgelastet war mit dem Status einer Olympiastadt unter dem Auftrag, die Segelwettbewerbe der Sommerspiele 2008 auszurichten.   

Ein Wirtschaftsminister, der sich gut in Damenkonfektion auskannte, hatte die deutsche Vergangenheit Qingdaos schlicht vergessen, als er vor einigen Jahren anlässlich seines Chinabesuchs die Beziehungen der beiden Länder als unbelastet von kolonialer Vergangenheit beschrieb. In der Sache lag er falsch, im Ergebnis aber richtig: Aus den siebzehn Jahren deutscher Herrschaft über Jiaozhou wird heute in China kein Negativkapital mehr geschlagen. Auf die gemeinsame Geschichte wird heute im Gegenteil gerne und in vielfältiger Weise Bezug genommen: vom weltberühmten Tsingtao-Bier, das seinen Ursprung britischem Kapital und deutschen Braumeistern unter dem Namen Germania-Brauerei verdankt, bis hin zur gegenwärtigen Qingdao-Universität, die aus der 1908 gegründeten Deutsch-Chinesischen Hochschule hervorgegangen ist, die übrigens schon damals ein partnerschaftliches Projekt beider Länder war.  

Die Ausgangsbedingungen für ein Engagement deutscher Unternehmer in Qingdao sind also sehr gut. Auf dem Höhepunkt der internationalen Finanzkrise im Sommer 2010 fassten daher die chinesische Zentralregierung und die deutsche Bundesregierung den mutigen Entschluss, in Qingdao einen Deutsch-Chinesischen Ökopark als Modellprojekt künftiger Industrieparks zu schaffen. Es sollten dort in erster Linie Unternehmen aus den Bereichen -angesiedelt werden. Das Projekt war sehr gut angedacht und fand im renommierten Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner, das in China unter anderem bereits die grundlegende Neugestaltung des chinesischen Nationalmuseums in Beijing realisiert hatte, den Vater des  und Unterhalt in jeder Hinsicht dem Prinzip der Nachhaltigkeit zu entsprechen haben. Aber auch die Ansprüche an ihre Nutzer waren hochgegriffen: einziehen sollten ausschließlich Firmen, deren Produkte und Herstellungstechniken vom Geiste der Energieeffizienz getragen sind.  

Die Eurokrise und Einschnitte in der Exportindustrie absorbierten jedoch in der Folgezeit die Aufmerksamkeit der deutschen Wirtschaft und verhinderten so, dass dieses kluge industriepolitische Projekt ein Selbstläufer wurde. Die Akquise geriet schleppend, eine Kurskorrektur wurde notwendig. Es ist gut, dass der künftige Erfolg nicht mit einem Aufweichen des Kriteriums der Nachhaltigkeit erkauft wurde. Stattdessen wandte man sich  an das Ingenieurbüro Obermeyer, deren Landschaftsarchitekten und Stadtplaner das Konzept einer Smart City mit Frischlufntschneise vertieften: es wuchs die Zahl von Grünflächen und renaturierten Zonen. 30 Prozent des Geländes sind nun der Natur reserviert, 25 Prozent Geschäften und Wohnungen und 45 Prozent der Industrie.  

Aber gerade der Begriff “Industrie” hat im Konzept des Ökoparks eine bedeutende Öffnung erfahren: Ins Boot geholt wurden Hochschulen, Ausbildungszentren, ein 4-Sterne Hotel, Demonstrationsobjekte wie Passivhäuser und ein Zentrum für die Präsentation ultramoderner, energiesparender Haushaltsgeräte, Einrichtungen der Wirtschaftsvermittlung und Industriepolitik, ein Zentrum für den Schutz geistigen Eigentums und sogar eine Fußballakademie!

Was auf den ersten Blick wie ein Gemischtwarenladen wirken mag, ergibt bei näherer Betrachtung sehr wohl Sinn: solange noch Fördergelder der chinesischen und deutschen Regierung fließen, tut man gut daran, in Qingdao an die Zukunft nicht nur zu denken, sondern mutig seine Schritte in ihre Richtung zu lenken, und sei es auch unter munterem Pfeifen, das dabei hilft, Ängste zu vertreiben. Denn die Furcht vor dem Zusammenbruch des Weltfinanzsystems ist mittlerweile der Sorge vor einem Rückgang der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas gewichen.   

Das Wort “Krise” nimmt am 9. Dezember auf der Unternehmenskonferenz “Langfristige und nachhaltige Wachstumschancen im Großraum Qingdao — Entwicklungen und Aussichten für Unternehmen im Sino-German Ecopark” freilich niemand in den Mund. Stattdessen ist die Rede von Bäumen, die nicht länger in den Himmel wachsen.  Oder auch: die Wirtschaft wechselt auf die mittlere Spur. Griffig ist die Formel von der Verstetigung des Wachstums, auf die sich alle als Kennzeichen einer gesunden Wirtschaft einigen können. (Beijing Rundschau, von Matthias Mersch)

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