Geschichte der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Qingdao und Deutschland. Teil 2

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“Heimat fern der Heimat” 

Die bislang errichteten Gebäude sind in der Realität meist etwas weniger futuristisch ausgefallen als in den Entwurfsskizzen, einige erwecken in ihrer Backsteinoptik den Eindruck norddeutscher Bodenständigkeit und Solidität, was zumindest der klassischen Forderung einer Einheit von Gehalt und Gestalt entspricht und durchaus seinen ästhetischen Reiz entfaltet. 

Bislang haben lediglich vierzehn Betriebe aus fünf Ländern den Weg in den Industriepark gefunden, ihnen stehen aktuell zwanzig Dienstleister gegenüber, wobei jedoch einige fest mit dem produzierenden Gewerbe verbunden sind. Vielleicht nicht ganz zufällig spiegelt sich darin der beabsichtigte Umbau der chinesischen Wirtschaft hin zu einem industriellen Upgrading und einer bedeutenden Erweiterung des Dienstleistungssektors.    

Zu Recht wies Christian Sommer, der Leiter des German Centre Shanghai, darauf hin, dass die Stärke der deutschen Wirtschaft vor allem dem Mittelstand zu verdanken sei, er sehe ihn als die Grundlage des Erfolges in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Als Serviceeinrichtung geht das Zentrum seit zwei Jahrzehnten in vorbildlicher Weise auf die Bedürfnisse kleiner und mittelständischer Unternehmen ein, die sich in China etablieren wollen. Das Geschäft steht im Mittelpunkt, aber auch Sentiment und Vergnügen kommen nicht zu kurz, sein “Haus der kurzen Wege” biete auch so etwas wie “Heimat fern der Heimat”, nicht zuletzt durch die Organisation von Public Viewings — in der deutschen Bedeutung des Wortes — anlässlich wichtiger Fußballereignisse.  

In den Ohren bundesdeutscher Integrationsbeauftragter mag “Heimat” verdächtig klingen, in einer chinesischen Welt ohne Schnitzel aber entwickelt es einen ganz besonderen Zauber. Man muss es damit ja nicht so schamlos übertreiben wie Otto von Gottberg in seinem vor genau hundert Jahren erschienenen Buch “Die Helden von Tsingtau”:  

“Ein echtes Stück Heimat hatten die Bewohner an die Küste von Schantung getragen. Deutsch bis zum innersten Wesenskern, waren sie deutsch in Wort und Lied, in Tracht und Empfinden. In Tsingtau zeigte der Deutsche, dass er in der Fremde deutsche Art und Sitte wahren kann. Da schlug die derbe Faust auf das Holz des Stammtisches, um den Männern zum Skat oder politischer Erörterung saßen. Da jagten sich die Vereinstagungen. Hin und her flogen die Einladungen zum guten deutschen Abendessen, aber nicht ‘Dinner’, wie es sonst in Asien heißt. Der behäbige deutsche Mittelstand war in Tsingtau heimisch.” 

Dank des Wirkens der im Ökopark angesiedelten Fußballakademie, die vor allem ein Trainingsprogramm des Deutschen Fußballbundes (DFB) für Jugendliche beherbergen soll, werde es laut Christian Sommer in Zukunft sicherlich einmal zur Begegnung der deutschen und der chinesischen Nationalmannschaft im Halbfinale einer Fußballweltmeisterschaft kommen. Diplomat vom Scheitel bis zur Sohle, verzichtete er darauf, eine Prognose über das Spielergebnis der Partie abzugeben.  

Naheliegender als der Ruhm auf dem Spielfeld ist die Verpflanzung des bewährten Konzeptes des German Centres nach Qingdao. Im Januar 2016 nimmt im Ökopark das German Enterprise Centre seine Tätigkeit mit der ganzen Palette an Dienstleistungen auf, mit denen sich das German Centre in Shanghai im Laufe der Jahre für den deutschen Mittelstand in China unentbehrlich gemacht hat. “In Qingdao”, so Sommer, bestehen große Kooperationsmöglichkeiten. Wir wollen Vorreiter für deutsche Firmen in Qingdao sein.” 

Bedarf und Bedürfnisse der Unternehmen kenne man durch die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage sehr genau. Billig in China für den weltweiten Markt herzustellen, das sei ein Konzept von gestern, das immer weniger interessiere. Den Unternehmen geht es heute in erster Linie darum, ihre Wettbewerbsfähigkeit auf dem chinesischen Markt zu steigern. Also will man Produkte und Dienstleistungen speziell für China in China herstellen. Von wachsender Bedeutung für deutsche Firmen aber sind auch Vertrieb und Service in China. Dazu wünscht man sich aus Unternehmerkreisen vor allem Kooperation bei der Aus- und Weiterbildung von Personal, und einen gemeinsamen Auftritt bei Behörden. Organisations- und Vermittlerrolle des German Enterprise Centre als dessen Kernkompetenz wird also sehr stark nachgefragt werden. (Beijing Rundschau, von Matthias Mersch)

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