Meinungsfreiheit und das China-bild in den deutschen Medien

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Li Qi im Gespräch mit Volker Stanislaw
Li Qi im Gespräch mit Volker Stanislaw

Li Qi ist deutscher Staatsbürger chinesischer Herkunft. Er studierte Germanistik in Shanghai und Wien. 2001 wurde er Redakteur der Chinaredaktion der Deutschen Welle (DW). In seiner Zeit bei der DW erlebte er die Tibetkrise und die Olympischen Spiele in Peking als Schlüsselereignisse. Bei der Berichterstattung für die DW wurde er in ein enges Korsett von Vorschriften und Einschränkungen gesperrt, was schließlich 2011 dazu führte, dass er und drei seiner Kollegen die DW verlassen mussten. In seinem Buch „China-Albtraum der Deutschen Welle“ hat Li Qi den Prozess beschrieben, der ihn nach zehn Jahren zu der Aufgabe seines Journalistenberufs brachte. Ihm geht es heute wesentlich um Meinungsfreiheit und umfassende, wahrheitsgetreue Berichterstattung vor allem über China, und darum, ein möglichst vollständiges China-Bild zu vermitteln.
Im Januar 2009 erschien außerdem in China Lis Roman „Rhein, Rhein“, der das Leben der Chinesen in Deutschland beschreibt (veröffentlicht unter dem Pseudonym Bu Gu).

DCA: Herr Li, wie geht es Ihnen heute?
Li: Der Ärger und der Frust über die Deutsche Welle (DW) sind Vergangenheit. Ich habe sehr gelitten. Mittlerweile sind mehr als zwei Jahre vergangen. Man muss weiterleben. Ich kann jetzt gut weiterleben, aber meine ehemaligen Kollegen noch nicht.

DCA: Lesen Sie noch Artikel der DW oder ist die Seite für Sie zum Tabu geworden?
Li: Ich komme nur noch ganz selten auf die Seite. Nur wenn mich ein Thema ganz besonders interessiert, suche ich auch bei der Deutschen Welle.

DCA: Wie geht es den anderen Autoren, über die Sie in Ihrem Buch berichten?
Li: Meine Kollegen waren genau wie ich lange Zeit arbeitslos. Eine Kollegin ist vor kurzem nach China zurückgekehrt, weil sie hier wegen ihres Alters keine Chance bekam. Wang Fengbo hat vor kurzem Arbeit gefunden, von der er zumindest leben kann. Wang Xueding ist immer noch arbeitslos. Wir haben nicht mehr so häufig Kontakt.

DCA: Wo wurde Ihr Buch veröffentlicht?
Li: Es ist schwer, das Buch in China zu veröffentlichen, weil die Themen schwierig sind. Außerdem habe ich Namen erwähnt, die in China Tabu sind. Hier in Deutschland war es einfacher. Es wird aber noch in China veröffentlicht werden. In Hongkong wurde es vor kurzem in einem größeren Format auf Chinesisch herausgegeben. In Festland China wurde schon viel darüber berichtet. In Deutschland hat noch kein Medium über mein Buch berichtet. Vielleicht schützen die Medien sich untereinander. Ich weiß nicht, woran es liegt. Die DCA ist die erste Zeitung, die über mein Buch schreibt. Es gibt wohl einige deutsche Blogs. Das Interesse der Deutschen scheint da zu sein. Meine deutschen Freunde stimmt mein Buch sehr nachdenklich.

DCA: Welche Rückmeldungen kamen nach der Veröffentlichung des Buches?
Li: Anfangs hörte ich, dass die Aufregung bei der DW groß war. Es wurde viel diskutiert. Dann wurde vielleicht entschieden, das Thema runter zu spielen. Anfangs erwartete ich heftige Reaktionen. Aber so kam es nicht. Das bedeutet für mich, dass mein Buch nicht lügt. Es ist nicht angreifbar. Ich habe nur von Tatsachen gesprochen und ausführlich meine Quellen genannt. Die DW hat das wohl auch eingesehen und kann nicht sagen, mein Buch wäre unwahr. Positive Rückmeldung kam aber von privaten deutschen Freunden. In China sind die Reaktionen viel stärker. Nach unserem Ausscheiden aus der DW wurde in China viel darüber berichtet. Die Chinesen interessieren sich für andere Dinge als die Deutschen. Vielleicht wollte man in Deutschland auch das Thema beiseite legen.

DCA: Wollen die deutschen Journalisten nicht darüber schreiben, um nicht den Ruf der Nestbeschmutzung zu ernten?
Li: Es gab deutsche Journalisten, die uns auch interviewt haben. Diese Berichte wurden allerdings nicht veröffentlicht. Nur die absurde Gegenmeinung wurde publiziert. Die Gegenmeinung konnte anscheinend die Redaktionsleiter überzeugen.

DCA: Kann ein Monitoring von chinesischen Texten von Deutschen funktionieren?
Li: Es gibt ganz wenige Deutsche, die sehr gut chinesisch sprechen. Ich habe mit einigen zusammen als Dolmetscher gearbeitet. Die Deutschen, die bei der Deutschen Welle damals Monitoring betrieben haben, vertraten nicht das höchste Niveau. Das ist aber nicht das wesentlichste. Entscheidend für die ganze Geschichte ist die Frage, ob eine Zensur hierzulande geduldet werden darf. Für mich ist das wie vieles andere an der Geschichte ein Skandal. Es ist einfach unverständlich, dass es bei einem staatlich finanzierten Medium in einer demokratischen Gesellschaft so viele antidemokratische Skandale gibt.

DCA: Wie sehen Sie die Chinaszene in Deutschland? Hat Falun Gong Einfluss in Deutschland?
Li: Falun Gong hat wenig Einfluss in Deutschland. Sie stehen immer vor dem Kölner Dom und auch in Düsseldorf am Hauptbahnhof. Auch die Freiheitsbewegung ist nicht mehr so stark. Die Chinaszene ist in Deutschland und im Westen völlig anders geworden. Chinaangst besteht nach wie vor. China wird immer stärker und möchte mehr Mitspracherecht in der Welt. Die jungen Menschen in China haben ein Gefühl von Stolz entwickelt. Vor zehn Jahren war es völlig anders. Die Jungen wollten noch in Deutschland bleiben. Jetzt möchten die Leute nicht langfristig weg, mit Ausnahme der Touristen. Leute aus ärmeren Regionen möchten noch ins Ausland. Das ist ähnlich wie der Wunsch in Shanghai oder Peking zu leben. Es gibt immer weniger Unterschiede zwischen dem Leben in Shanghai/Peking und Deutschland.

DCA: Ist die DW ein Dissidentenorgan?
Li: Ich habe den Eindruck, dass die DW von meinem Buch beeindruckt worden ist. Die ganze Szene hat sich etwas geändert. Bei der DW sind einige Verantwortliche mittlerweile im Ruhestand. Ob das direkt mit dem Wirbel nach der Berichtwelle über unser Schicksal und unserem offenen Brief an den Bundestag zu tun hätte, wird wahrscheinlich nie bestätigt werden können.

DCA: Ist China seit der Olympiade 2008 weniger in den Medien präsent?
Li: Ganz verschwunden ist China nicht. Es gibt immer noch Specials zum Thema China bei deutschen Medien. China ist nach wie vor ein großes Thema. Man versucht, sich China neutraler gegenüber zu verhalten. Das Chinabild ist im Westen noch immer verzerrt. Eigentlich braucht man vor China keine Angst zu haben. China will mehr in der Welt beachtet werden. Aber China kann nicht so aggressiv werden wie befürchtet. Es gibt genug zu tun im Inland.

DCA: Sind die Chinesen in Deutschland integriert?
Li: Ich habe chinesische Freunde, die zwischen China und Deutschland schwanken. Die Kinder leben hier, sie selber wollen aber in China alt werden. Das ist ein Dilemma. Wirklich integriert sind nicht viele Chinesen. Viele sprechen auch nach ein paar Jahren nicht wirklich gutes Deutsch. Generell möchten sich aber viele Chinesen integrieren, besonders die Studenten.

DCA: In China ist manches verboten, aber alles möglich. Eine Frage zum Einfluss des Internets in China. Haben soziale Gewohnheiten oder staatliche Zensur Einfluss in China?
Li: Das Internet ist zum größten Medium in China geworden. Wenn ich in China unterwegs bin, sehe ich die jungen Leute mit einem Handy unterwegs spielen. In Deutschland lesen die Leute noch richtige Bücher im Bus. Das Internet ist überall in China. Mikroblogs lassen sich auch nicht richtig einschränken. Das hat den Vorteil, dass die Gesellschaft dadurch offener wird. Skandale werden sofort publik und lassen sich nicht vertuschen. Meinungen aus China werden leider in Deutschland nicht veröffentlicht. Da besteht eine kulturelle Kluft, wie ich in meinem Buch beschrieben habe.

DCA: Wird es ein Comeback von Li Qi bei der DW geben?
Li: Das wird nie der Fall sein. Ich habe mein neues Leben und bin froh, auf die jetzige Art und Weise leben zu können. Ich bin aus dem Sumpf der Arbeitslosigkeit gekommen. Ich bin optimistisch. Meine Kollegen leiden sehr. Zhu Hongs Prozess vor dem Bundesarbeitsgericht hat im Juni begonnen. Wang Fengbo wird Ende des Jahres verhandelt. Die ehemaligen Kollegen werden weiter kämpfen. Das Problem ist systembedingt. Frau Zhu Hong kämpft gegen die Nichtverlängerung ihres Vertrags wegen Diskriminierung aus politischen Gründen. Ich glaube, das Problem liegt am Rahmenvertrag der Mitarbeiter der Deutschen Welle. Diese Rahmenverträge müssen verändert werden. Es sollte letztendlich ein Fall für das Bundesverfassungsgericht werden.

DCA: Vielen Dank, Herr Li, für das Gespräch!

Das Interview führte
Volker Stanislaw.

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