Peter Handstein, deutscher Spielzeugproduzent in China, im Gespräch mit der DCA über Standortfragen, Produktentwicklung und soziales Engagement

0
1663
Peter Handstein bei einer Produktpräsentation       (Foto: Hape)
Peter Handstein bei einer Produktpräsentation (Foto: Hape)

 

Zahlen zum Unternehmen Hape International (Ningbo) Ltd.:

– 1996 Gründung mit ca. 50 Mitarbeitern

– 2012 etwa 250 Mitarbeiter im Büro, ca. 1000 in der Produktion,

  zudem ca. 3000 Stellen bei Zulieferern

– Fabrikgröße: ca. 67,000m²

– Vertriebsnetz in über 50 Ländern weltweit

 

 

DCA: Sie sind nun seit über 16 Jahren als deutscher Unternehmer in China tätig. Können Sie unseren Lesern einen Überblick über Ihren Werdegang zum Spielzeugproduzenten geben?

Handstein: Nach meinem Schulabschluss habe ich eine Ausbildung zum Schlosser sowie Huf- und Kunstschmied im elterlichen Betrieb gemacht, was wohl auch meine Affinität zum Handwerk und zum Produzieren von Dingen geprägt hat. Mit 23 folgte dann der Einstieg in den Vertrieb von Lehrmitteln an Kindergärten. Da ich meine Vorstellungen in diesem Unternehmen allerdings nicht verwirklichen konnte, habe ich mich im Jahr 1985 mit 25 Jahren entschieden, ein eigenes Unternehmen zur Ausstattung von Kindergärten zu gründen. Ich habe mich viel mit der Produktentwicklung beschäftigt, immer mit dem Ziel, Spielzeug zu vertreiben, das die Entwicklung von Kindern wirklich fördert. Das hat sich bis heute so durchgezogen.

 

DCA: Wie kam es dazu, dass Sie in den 1990er Jahren Ihre Produktion nach China verlagert haben?

Handstein: Im Jahr 1988 bin ich zum ersten Mal nach China gereist, damals noch als Einkäufer auf die Canton Messe. Das Land war im Umbruch, die Eindrücke waren gewaltig. Die Veränderung, die ich in den folgenden Jahren beobachten konnte war enorm. Natürlich waren damals die Medien und die verfügbaren Informationen nicht so breit gefächert wie heute und keiner konnte sagen, wie sich das Land entwickeln würde.

Nach dem Zusammenbruch der DDR übernahm ich 1990 meinen belgischen Hauptlieferanten und wir siedelten die gesamte Firma ins Erzgebirge um. Nebenher gründete ich dort einen weiteren Produktionsbetrieb für Kindergartenmöbel und Innenausstattung. Ab etwa 1995 wurde es aber zunehmend schwieriger in Deutschland gute Qualität zu bezahlbaren Preisen zu produzieren. Ich wollte immer gute Qualität machen. Deshalb bin ich nach Weißrussland, in die Ukraine, nach Thailand und auch wieder nach China gereist, um einen neuen Standort zu finden. Ich kam zu dem Schluss, dass an die Emsigkeit der chinesischen Bevölkerung und die dort herrschende Aufbruch-Stimmung keines der anderen Länder herankommt. Damals war allerdings noch schwer abzusehen, ob die chinesische Regierung stabil bleiben würde.

Ich entschied mich bewusst für die Stadt Ningbo in der Küstenprovinz Zhejiang, wo noch keine großen Industrie-Konzerne angesiedelt waren. So machte ich 1996 als kleiner Mittelständler mit einer Holzspielzeugproduktion dort die erste ausländische Investition, weshalb unser Joint Venture als beispielhaftes Projekt behandelt und gerne vorgezeigt wurde.

1997/98 nahmen wir dann zum ersten Mal als Aussteller im deutschen Gemeinschaftsstand an der Hongkong Messe teil, einerseits als chinesischer Produzent, andererseits als deutsche Vertriebsfirma. Seither hat sich das Unternehmen sehr gut entwickelt und durch Abspaltung von Unternehmensbereichen und Teilverkäufe sowie Neugründungen ehemaliger Mitarbeiter sind etwa zwei Dutzend neue Firmen entstanden, die heute mehrere Tausend Mitarbeiter beschäftigen.

 

DCA: Nach einem großen Skandal in den USA 2007, um giftiges Blei und Kadmium in Spielzeug aus China, zog die Regierung kurzfristig alle Exportlizenzen für Spielzeug ein und erließ neue Sicherheitsauflagen. Was bedeutete das für Ihre Firma?

Handstein: Jedes Unternehmen musste eine neue Exportlizenz beantragen und die Erfüllung der neuen Standards bei einer Inspektion belegen. Da unser Betrieb all diese Auflagen bereits vorher erfüllte, konnten wir unseren Antrag umgehend einreichen und bekamen einige Wochen später die Spielzeug-Exportlizenz Nr. 0001. Damals fand eine Marktbereinigung statt, nur etwa die Hälfte der Produzenten erhielt eine neue Lizenz. Wir hatten uns längst im internationalen Markt etabliert, unsere Kunden schätzen die gute Qualität.

 

DCA: Was waren aus heutiger Sicht die entscheidenden Faktoren für Ihren Erfolg?

Handstein: Mir war von Anfang an klar, wenn ich in China erfolgreich Holzspielzeug produzieren wollte, dann konnte das nur funktionieren indem ich mich durch hohe Qualitätsstandards von der chinesischen Massenproduktion absetze. Preiswerter als die Einheimischen würde ich sowieso niemals produzieren können. Mein Glück war zudem, dass ich es mir aufgrund der Umstände leisten konnte, die ersten zwei Jahre Verluste zu fahren und eigenes Personal auszubilden, um so nachhaltigen Erfolg aufzubauen.

 

DCA: Wie kamen die deutschen und chinesischen Mitarbeiter am Anfang miteinander zurecht? Konnten Sie eine Entwicklung beobachten?

Handstein: Einige Mitarbeiter beider Nationalitäten sind seit der Gründungsphase bis heute dabei. Anfangs haben wir sogar zusammen in der Fabrik gelebt, das schweißt natürlich zusammen. Begonnen haben wir 1996 mit ca. 10 Mitarbeitern im Büro und 30-40 in der Produktion, das war wie eine Familie. Dieser familiäre Aspekt findet sich nicht nur in der chinesischen Kultur wieder sondern entspricht auch meiner Persönlichkeit. Deutsche und Chinesen bilden bei uns eine eingeschworene Gemeinschaft, natürlich nähert man sich über die Jahre und Jahrzehnte an. Die deutschen Mitarbeiter sind mit der Zeit etwas chinesischer geworden und manche deutsche Eigenheiten färben auf die chinesischen Kollegen ab. Wir setzen auf langfristige Arbeitsverhältnisse mit gegenseitiger Loyalität. 2002 hatte die Firma 280 Büromitarbeiter, davon sind 204 auch heute noch im Unternehmen. Es ging immer um die Firma, nicht um Deutschland oder China.

 

DCA: Was würden Sie anderen deutschen Unternehmern raten, die in China Geschäfte machen?

Handstein: Wichtig ist die Bereitschaft, sich auf die fremde Kultur einzulassen. Man sollte nicht überheblich daherkommen und sich lernwillig zeigen. Man könnte sagen, bevor ich nach China ging, gab es für mich nur schwarz oder weiß. Dort habe ich dann schnell sehr viele Graustufen kennengelernt. Grundregeln des „Face-Keeping“ (面子 miànzi) einzuhalten ist ein Muss, wenn man Erfolg haben will. Eine der wichtigsten Aufgaben der Unternehmensführung ist in der Regel die Integration und Positionierung der Mitarbeiter, nicht nur der Deutschen unter Chinesen, sondern vor allem der chinesischen Mitarbeiter untereinander, um ein gutes Team aufzubauen.

 

DCA: Wie sieht die soziale Absicherung konkret in Ihrem Unternehmen aus?

Handstein: Wir haben schon seit 1998 eine betriebliche Sozialversicherung für alle Mitarbeiter. das hat sich eigentlich durch die Situation bedingt so entwickelt. Das Gefühl für meine soziale Verantwortung als Unternehmer ist schließlich nicht vom Standort abhängig.

 

DCA: Die traditionellen Absatzmärkte Ihres Unternehmens sind vor allem Europa und Nordamerika. Hat sich ihr Fokus mittlerweile auf die Entwicklung der asiatischen Märkte verschoben?

Handstein: Die Entwicklung geht auf jeden Fall in diese Richtung, nicht nur was den chinesischen Binnenmarkt betrifft. Wir haben dabei den Vorteil, dass wir bereits sehr gut international vernetzt und in vielen Ländern vertreten sind. Unsere Absatzmärkte verteilen sich aktuell etwa wie folgt: 40% Europa und Afrika, 35% Nord- u. Südamerika, 25% Asien u. Ozeanien, mit steigender Tendenz.

Unser Ziel bis 2015 ist es, je etwa ein Drittel zu erreichen. Wir erwarten, dass China bis 2018 zum größten einzelnen Absatzmarkt unserer Unternehmensgruppe aufsteigen wird. Der Binnenmarkt wächst stetig, die Kaufkraft steigt und die Exportlastigkeit der chinesischen Wirtschaft wird zwangsläufig abnehmen. Man muss sich nur mal die Anzahl von mehreren hundert Millionen Konsumenten bewusst machen, deren Kaufkraft von Jahr zu Jahr steigt – und das innerhalb einer Nation!

Unser Unternehmen hat niemals Spielwaren des Verkaufs der Spielwaren wegen gemacht, wir hatten immer den Anspruch Lernspielwaren zu machen, die kreatives Spielen fördern und die Kinder in Ihrer natürlichen Entwicklung unterstützen. Ich glaube schon, dass wir mit diesem Konzept auch im wachsenden chinesischen Spielzeugmarkt gute Erfolgschancen haben. Das hängt natürlich auch vom Marketing ab, schließlich haben grundsätzlich alle Eltern und Großeltern ein Interesse daran, die Entwicklung Ihres Kindes zu fördern.

 

DCA: Sie haben in einer der ärmsten Provinzen Chinas mehrere Schulen gebaut und wurden 2011 von der chinesischen Regierung sogar mit einem Social-Responsibility-Preis ausgezeichnet. Wie kam es dazu?

Handstein: Die Schulprojekte sind aus einer Aneinanderkettung von Umständen entstanden. Nachdem 2003 meine Großmutter gestorben war, die sich immer viel um Kinder gekümmert hatte, habe ich mich entschlossen ein Projekt zu starten, das bedürftigen Kindern zugute kommt. Noch im gleichen Jahr wurde die „Maria Hope“ Grundschule in Guizhou / Xingren (Berggebiet an der Grenze zu Yunnan) eröffnet. Die Eröffnungsfeier war sehr emotional und bereitete mir große Freude. Zwei Jahre später bauten wir eine weitere Grundschule. Als der erste Jahrgang fertig wurde, kam der Bürgermeister auf mich zu und fragte nach einer Mittelschule, auch diese haben wir gebaut. Kurze Zeit später folgte der erste Kindergarten. Inzwischen gibt es in Guizhou außerdem eine Berufsschule nach deutschem Modell für die jugendlichen Absolventen, die dort eine Ausbildung zum Schreiner machen können. Das Ganze bekam eine gewisse Eigendynamik. Das macht mir natürlich große Freude und kommt allen zugute.

Angesichts der steigenden Produktionspreise an den Küsten, macht auch aus wirtschaftlicher Sicht Sinn, den Standort Guizhou im Landesinneren (eine der ärmsten Provinzen Chinas) zu fördern. Für das zweite Lehrjahr sollen die Jugendlichen in unsere Fabrik nach Ningbo kommen und Praxiserfahrung sammeln. Es ist gut möglich, dass wir in den kommenden Jahren in Guizhou eine Fabrik gründen, wo dann etwa 300 Schreinergesellen und –gesellinen (ca. 30%) einen Arbeitsplatz in ihrer Heimatprovinz finden können.

 

DCA: Zudem bemühen Sie sich um innovative Produktentwicklung und pädagogische Forschung. Gibt es auch in diesen Bereichen aktuelle Projekte?

Handstein: Wir planen in Ningbo in Kooperation mit einem chinesischen Träger unseren ersten Kindergarten zu eröffnen, den wir mit einem neuen pädagogischen Konzept betreuen. Dabei werden Pädagogen sowie Produktentwickler und -designer einbezogen. Nach einigen Jahren besteht dann die Möglichkeit, die Entwicklung der Kinder mit denen in normalen Kindergärten zu vergleichen und so den positiven Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung zu belegen. Wir möchten unter anderem die Naturverbundenheit und das Umweltbewusstsein der Kinder und Eltern fördern.

Ein weiteres Projekt wird bereits im Frühjahr 2013 eröffnet, das „Hape Experience Centre“, eine Art Kombi-Spiel-Cafe mit vielen Spielmöglichkeiten und Fachkräften zur Betreuung.

Wir unterstützen auch andere Projekte für soziale Zwecke und Nachhaltigkeit wie beispielsweise den „World Children Day“ und den „World Bamboo Day“ und fördern den Austausch mit und Besuche von Universitäten in Bezug auf Materialforschung und Produktentwicklung mit Fokus auf die Schonung von Umweltressourcen. Zum Beispiel könnte Bambus als schnell nachwachsender Rohstoff auch von der Industrie vielfältiger genutzt werden. Wichtig ist dabei natürlich erstmal ein Verständnis für das besondere Material zu entwickeln, schließlich ist Bambus kein Holzersatz sondern ein Gras. Da ist noch viel Grundlagenarbeit nötig!

 

DCA: Was macht für Sie den größten Unterschied zwischen Deutschland und China aus?

Handstein: Ich mag keine pauschalen Aussagen, Deutsche seien so und Chinesen so. Man findet in jedem Land unterschiedliche Typen. Was aber tatsächlich einen grundsätzlichen Unterschied macht, ist die große Bereitschaft zur Veränderung in China, während in Deutschland derzeit sehr stark auf Beständigkeit gesetzt wird und Veränderung eher mit Risiko verbunden wird, als darin eine Chance zu erkennen. Als Unternehmer darf man nicht immer nur werterhaltend denken, sondern muss auch mal etwas riskieren, um neue Chancen zu nutzen und das Unternehmen voran zu bringen.

 

DCA: Inzwischen haben Sie mehr als 16 Jahre Ihres Lebens in China verbracht. Planen Sie Ihren Ruhestand in China oder Deutschland?

Handstein: Da ich bisher nicht über meinen Ruhestand nachdenke, erübrigt sich diese Frage eigentlich. Ich fühle mich in China sehr wohl. Grundsätzlich habe ich sehr viel Spaß am Leben und an meiner Arbeit, das möchte ich mir noch lange erhalten. Ich bin ein Typ, der gerne ausprobiert und immer versucht neue Wege zu gehen – das kann überall sein, in China, Deutschland oder irgendeinem anderen Land. Da möchte ich mich nicht festlegen. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass in Deutschland mittelfristig dieser Stillstand und die Angst vor Veränderungen durchbrochen werden und damit für Unternehmer wie mich wieder neue Aufgaben und Chancen entstehen. In einer solchen Situation könnte ich mir durchaus vorstellen wieder nach Deutschland umzusiedeln. Unter anderem lebt mein Sohn (21) hier in Deutschland. Auch für unser Unternehmen wird Deutschland bzw. Mitteleuropa ein wichtiger Standort bleiben. Für mich wird es also immer gute Gründe geben, von Zeit zu Zeit zurück nach Deutschland zu kommen.

 

DCA: Herr Handstein, herzlichen Dank für das ausführliche Gespräch!

 

(Das Interview wurde im Dezember 2012 von Marlene Bartl geführt.)

 

 

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here