Deutsch-Chinesischer Ökopark Qingdao – Ein Erfahrungsbericht über bisherige Entwicklungen und Erfolge

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Der Niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil zu Besuch im Ökopark

Unmittelbar vor dem offiziellen Baubeginn im Jahr 2013 gab es in Anbetracht der Situation vor Ort noch recht wenig Anlass, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Auf dem Plangelände, einer grünen Wiese mit ein paar Dörfern, stand eine Holzhütte als vorläufiges Bürogebäude. Die dort arbeitende, damals noch aus 50 Mitarbeitern bestehende Belegschaft des neu gegründeten Staatsunternehmens, Sino-German Ecopark United Group, pendelte täglich zum Mittagessen eine halbe Stunde mit dem Auto hin und her. In fünf bis zehn Jahren wird hier ein neuer Stadtteil entstehen, hieß es damals. Es gab aber weder eine U-Bahn, noch zukunftsträchtige Straßen im Plangebiet. Wer sollte hier investieren?

Qingdao ist ein in China beliebter Urlaubsort, der für seine hohe Lebensqualität bekannt ist. Die Stadt mit dem weltweit siebtgrößten Hafen und ca. 9,2 Millionen Einwohnern liegt an einer großen Bucht. Diese war im Jahr 2011 mit zwei neuen Verkehrsverbindungen, einer 40 km langen Brücke und einem Tunnel, vollständig neu erschlossen worden. Die Entwicklung im neuen Stadtteil Westküste machte rasante Fortschritte. Qingdao ist schon lange eine durch und durch moderne Stadt, die 2008 Austragungsort der olympischen Segelwettbewerbe war. Im Jahr 2016 betrug Qingdaos BIP 1,1 Billionen RMB und belegte damit den dritten Platz unter den Städten Nordchinas. Die infrastrukturelle Ausgangssituation machte die Platzierung an der Qingdao Westküste durchaus sinnvoll und den erfolgreichen Entwicklungsprozess möglich. Die Lokalregierung formierte im Juli 2013 ein Verwaltungskomitee für den deutsch-chinesischen Ökopark. Die Planung der Infrastruktur lief auf Hochtouren, doch deutsche Investoren hielten sich vorerst noch zurück. Mit zunächst 700 Arbeitskräften wurde an der Freiräumung von Bauflächen gearbeitet – Tag und Nacht, sieben Tage die Woche, bei jedem Wetter. Kontakte zum German Centre Shanghai wurden hergestellt sowie Ausstellungen und Besuche auf Messen durchgeführt. Auf Ministerialebene hatten Arbeitssitzungen stattgefunden. Die Entwürfe renommierter deutscher Planungsfirmen wie gmp und Obermeyer lagen vor. Der Bau eines 80.000 m² großen Ansiedlungsgebiets für die umliegenden Dörfer wurde begonnen. Bau der Infrastruktur, Umsetzung von vorläufigen Projektideen, Anziehung von Investoren, all dies verlief fast zeitgleich. Diese Strategie zahlte sich aus. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) führte erstmals für einen ausländischen Industriepark eine Informationsveranstaltung durch. Im April 2014 wiesen Sigmar Gabriel und sein Amtskollege des chinesischen Wirtschaftsministeriums, Gao Hucheng, auf eine erfolgreiche Entwicklung des deutsch-chinesischen Ökoparks hin.

Der Niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil zu Besuch im Ökopark

Chinesisches Tempo, deutsche Präzision

Der deutsch-chinesische Ökopark hat es sich zur Aufgabe gemacht, besonders auf Ökologie und Umweltschutz zu achten. Demnach wurde ein ökologisches Indikatorensystem erstellt und . Um die Vorgaben zu Ressourceneinsparung, umsichtigem Wachstum und Wirtschaftsoptimierung einhalten zu können, wurden verschiedene ökologische, kohlenstoffarme und energieeinsparende Technologien eingesetzt. Zudem finden regenerative Energiequellen wie Solar, Wind und Geothermie Anwendung. Auch der Schutz der ursprünglichen Landschaft und heimischer Bäume wurde bei der Planung in Qingdao berücksichtigt. Ferner werden alle Wohnviertel des Ökoparks mindestens dem staatlichen 2-Sterne-Standard für grünes Bauen gerecht.

Im April 2014 wurde zwischen dem Architekten Prof. Ludwig Rongen und dem deutsch-chinesischen Ökopark ein Memorandum unterzeichnet. Das Architektentrio Rongen-Tribus-Vallentin baute das größte, vom deutschen Passivhausinstitut vorzertifizierte, öffentliche Passivhaus Asiens, welches 2016 seine Tore öffnete. Das sogenannte Passivhaustechnologie-Erlebniszentrum erreicht eine über 90-prozentige Energiereduktion und spart jährlich 664 Tonnen CO2 im Vergleich mit einem chinesischen Referenzgebäude ein. Um die für China geeignete, neue Entwicklungsweise des Passivhauses weiter zu erforschen sowie die Gestaltung der Industrie vorantreiben zu können, fördert der Ökopark eine konzentrierte Ansiedlung von Passivhausprojekten. So soll bereits Ende 2018 ein Passivhauswohnviertel fertiggestellt werden.

Das kürzlich fertiggestellte Passivhaustechnologie-Erlebniszentrum verfügt über ein jährliches Einsparpotenzial von 664 Tonnen CO2

Weitere Meilensteine

Firma Siempelkamp Pressensysteme siedelte sich als erstes vollständig selbst investiertes deutsches Unternehmen im Ökopark an und mit der Obermeyer Planungsgesellschaft wurde ein Joint Venture realisiert. 2014 wurde die Qingdao Westküste auf den Rang einer sogenannten nationalen Neuzone gehoben, was ein Gleichstellungsmerkmal beispielsweise mit dem Stadtbezirk Shanghai Pudong bedeutete. Zudem wurde in München das erste von zwei Verbindungsbüros in Deutschland eingerichtet. Zwölf große Informationsveranstaltungen und 400 Besuche bei Unternehmen und Institutionen wurden durchgeführt. Durch den Kauf einer insolventen deutschen Firma im Jahr 2015 erlangte der deutsch-chinesische Ökopark als erster chinesischer Gewerbepark die Notierung an der Frankfurter Börse – die Sino-German United AG war geboren. Die vorhandene Investitionsumgebung und ihr Entwicklungspotenzial fanden nun breite Anerkennung. Weitere deutsche Unternehmen wie Sophienhammer, Steigenberger, Irmler Piano, Applitest, Menzerna etc.  siedelten sich nach und nach an.

Auch das vom German Centre Shanghai betriebene German Enterprise Centre Qingdao reihte sich in die Reihe ressourcenschonender Bauprojekte ein. Seine bereits 15 Mieter können seit 2016 modernste Energieeffizienztechnologie genießen; der Energieverbrauch liegt dabei 45 Prozent unterhalb eines chinesischen Referenzgebäudes. Die Nachhaltigkeit des Gebäudekomplexes wurde auch durch das Platin-Zertifikat des Zertifizierungssystems der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) ausgezeichnet.

Die Entwicklung des Ökoparks wird entschlossen und zielgerichtet auf sehr vielen Ebenen vorangetrieben. Die Priorität für ausländische Kooperationen liegt zwar auf Deutschland, gleichzeitig ist der Ökopark aber in der ganzen Welt aktiv, wodurch die Internationalisierung und Modernisierung durch Integration von bekannten Firmen und führenden Projekten einer globalen Industrie weiter gesteigert wird. Schwerpunkte der Modellstadt liegen dabei vor allem auf energieeffizientem Bauen, Industrie 4.0, Biotechnologie sowie der Automobil- und -zulieferindustrie. Durch seinen Ansatz zu einer modernen und ressourcenschonenden Urbanistik soll der Qingdao Ökopark Vorbildcharakter für schnell wachsende Städte in China bieten. Zudem wurde vor Ort ein Zentrum für den Schutz geistigen Eigentums eingerichtet, das dazu dient, angesiedelten Unternehmen mit Beratung und Service-Leistungen zur Verfügung zu stehen. Eine E-Commerce Plattform für den Import deutscher Produkte wurde errichtet. Weiterhin wurden Handelskooperationen mit Rossmann und Bitburger bereits umgesetzt. Deutsche Unternehmen werden mit sehr viel Offenheit und Einsatz empfangen. Der Schlüssel für langfristigen Erfolg liegt beim Verhandlungsgeschick sowie langjähriger Erfahrung mit sowohl deutscher als auch chinesischer Geschäftsetikette und Kultur.

Auch kulturell gibt es zahlreiche Entwicklungen. So führte die Ansiedlung der Irmler Pianofortefabrik zur jährlichen Austragung eines Klavierwettbewerbs im Ökopark. Damit das Runde auch im Ökopark im Eckigen landet, wurde mit Hilfe eines bekannten deutschen Fußballberaters, der bereits Trainer der chinesischen Nationalelf war, die Fußballkooperation in Gang gebracht. Der FC Bayern München eröffnete seine chinaweit erste „FC Bayern Football School“. Jährlich finden nun mehrere Trainingscamps für chinesische Nachwuchsspieler statt. Dies entspricht der chinesischen Nationalstrategie, den heimischen Fußball international konkurrenzfähiger zu machen. Der Sport birgt Potenzial für weitere Kooperationsmöglichkeiten unter anderem im Bereich Ausstattung, Physiotherapie und Sportmedizin. Ein typisch deutsches Bierfest und die Möglichkeit zum Kauf deutscher Produkte tragen ebenso zur Vielfalt des Lebens bei.

Der Ökopark ist nicht nur ein Erfolg der deutsch-chinesischen Kooperation, sondern auch ein Meilenstein der Bemühungen zur ökologischen Entwicklung von Städten. Trotz der anfänglich zögerlichen Entwicklung hat sich der Ökopark heute zu einer schnell, in alle Richtungen wachsenden Unternehmensplattform entwickelt. Es ist zu erwarten, dass es weiter aufwärts geht.  (Ein Gastbeitrag von Daniel Elsäßer, Deutsch-Chinesischer Ökopark Qingdao)

 

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